Im vergangenen Jahr setzte ich meinen Plan um, meinen Fuhrpark zu reduzieren und umzustellen. Ich wollte „nur“ noch ein Trailbike für die schnelle Hausrunde und einen Rad für Touren haben. Letzteres sollte alle modernen Standards erfüllen wie 29er Laufräder und Boots-Standard. Dies setzte ich mit meinem Root Miller als Custom-Aufbau um.

Als Trailbike kam erst ein Octane One Prone. Doch leider stand dieses Projekt unter keinem guten Stern. Erst fiel das Bike beim Aufbau vom Montageständer, dann fiel das Bike im Büro einfach um und – und damit war das Maß voll – warf mich der Hobel auch noch ab.

Eigentlich bin ich nicht abergläubisch, aber das war einfach zu viel! Ersatz musste her. Angesichts der Spuren, die der Sturz auf meinem Körper hinterließ, hatte selbst meine bessere Hälfte sogar so etwas wie Verständnis dafür. Mit einem sehr angenehmen Gefühl im Bauch rupfte ich das Hardtail also wieder auseinander. Rahmen, Gabel, Laufräder, Schaltung und Sattelstütze wechselten den Besitzer.

Was folgte, war die schmerzhafte Süße in der Suche nach einem neuen Bike. Es war ja nicht so, als ob’s nicht genug Auswahl gab. Doch genau darin lagen Fluch und Segen zu gleich. Und eigentlich suchte ich auch wieder die eierlegende Wollmilchsau…

Und fand sie! In Köln stand ein top erhaltenes Radon Skeen 120 in der 9.0-Ausstattung. Für mich die perfekte Basis und der Umbau auf 1fach-Schaltung, XTR-Bremsen und Ritchey-Cockpit mit kurzem Vorbau und breitem Lenker erfolgte zusammen mit Freund und Schraubergott.

Eine Besonderheit an dem Bike war die Rock Shox SiD mit 120mm Federweg. Im Jahr 2016 war dieses Bike in der Ausstattung nicht Fisch und nicht Fleisch. „Die Gabel sei bei einem Race-Fully besser aufgehoben“, urteilte seinerzeit ein Fachmagazin bei einem Test. Radon selber stufte das Bike irgendwo zwischen Marathon und Trailbike ein – und war damit seiner Zeit deutlich voraus.

Erst vor wenigen Monaten fand ich einen Federgabel-Vergleichstest in einer Ausgabe der BIKE. Unter den Kandidaten für die Kategorie Trail befand sich eine – Achtung – Rock Shox SiD mit 120mm Federweg. Keine Revelation oder gar die Pike – nein: Die gute alte klassische XC-Race-Gabel SiD. Verkehrte Welt.

Apropos verkehrte Welt. Als ich vor wenigen Jahren mit dem Mountainbiken anfing, waren die Kategorien einfacher gestaltet. Das sah ungefähr so aus:

  • Cross Country: 100mm Federweg, meist 29 Zoll
  • Marathon: 100-120mm Federweg, meist 29 Zoll
  • Tourenbikes: 120-130mm Federweg, 27,5 oder 29 Zoll
  • All Mountains: 140-150mm Federweg, 27,5 Zoll
  • Enduro: 160-170mm Federweg, 27,5 Zoll

Und heute…?

Federwege sind nicht mehr dazu da, die Bikes in Kategorien einzuordnen. Ein Trailbike kann heute von 120mm bis 150mm alles sein. Trailbikes sind Mode und nun das, was Enduros vorher waren: Ein Bike, was gut bergauf und auch bergab geht. Die Enduros sind dafür heute die Bergab-Raketen von früher.

All das spiegelt sich auch in den Gewichten wieder. Mein Skeen hat ein Ausgangsgewicht von zirka 12,7 Kilo. Rechne ich Vor- und Nachteile nach dem Tuning ab, komme ich (hoffentlich) irgendwo fahrfertig bei 12,5 Kilo raus. Und selbst wenn’s 12,8 Kilo sind, so liege ich immer noch rund ein ganzes Kilo unter dem, was die Bikes aktuell so wiegen. Selbst mit den Plaste-Rahmen steht meist doch noch die 13 vor dem Komma.

Und was macht die Industrie? Die schraubt an Ihren Race-Fullys einfach eine Gabel mit etwas mehr Federweg, verbaut eine absenkbare Sattelstütze sowie eine Bereifung mit mehr Grip und nennt das dann keck auch Trailbikes. Ja ne, is‘ klar. 

29er haben den Markt erobert und sind mittlerweile auch bei den Enduros und Super-Enduros angekommen. 27,5 Zoll wird langsam aber sicher aus dem Markt verdrängt – oder nur noch am Hinterrad verbaut. Dabei sollte 27,5 Zoll doch das Beste aus zwei Welten – der 26 und 29 Zoll – vereinbaren. Satz mit X, war wohl nix. Klar, die größeren Rädern haben Vorteile und dank moderner Geometrie einen Teil der Nachteile abgeschafft. Aber warum wurde nicht in beiden Richtungen entwickelt? 

Anhand meines 2016er Radon Skeen 120 9.0 möchte ich einmal die Entwicklung aufzeigen:

Radon Skeen 120 (MJ 2016) 9.0 – UVP 2.699,-

  • Rahmen: Alu-Rahmen, 27,5 Zoll Laufräder (die 29 Zoll-Version war noch das XC-Fully Skeen 100)
  • Fahrwerk: Rock Shox Sid 120mm + Rock Shox Monarch RT3 120mm
  • Antrieb: Shimano XT 2x11fach
  • Bremse: Shimano XT
  • Laufräder: DT Swiss M1700, 25mm
  • Sattelstütze: Rock Shox Reverb
  • Gewicht: 12,7 kg ohne Pedale

Radon Skeen Trail (MJ 2019) 10.0 – UVP 2.999,-

  • Rahmen: Alu-Rahmen, 29 Zoll
  • Fahrwerk; Fox 34 Performance Elite 130mm + Fox Float 120mm
  • Antrieb: Shimano XT 2x11fach
  • Bremse: Shimano XT (vorne 4 Kolben, hinten 2 Kolben)
  • Laufräder: Newmen Evolution SL X.A25, 25mm
  • Sattelstütze: Fox Transfer
  • Gewicht: 12,7 Kg ohne Pedale

Radon Skeen Trail CF (MJ 2020) 10.0 – UVP 2.999,-

  • Rahmen: Hauptrahmen Carbon, Heck aus Alu
  • Fahrwerk: Rock Shox Pike 130mm + Rock Shox Deluxe 120mm
  • Antrieb: SRAM GX Eagle
  • Bremse: Magura MT Trail Custom
  • Laufräder: DT Swiss M1700 Spline 29, 25mm
  • Sattelstütze: SDG Tellis
  • Gewicht: 13,2 kg

Jetzt muss man wissen, dass mein 2016er Skeen und die noch aktuelle Alu-Version die gleichen Gene haben. Das Skeen 120 von 2016 wurde ein Jahr später dann das Skeen Trail. In der 27,5er-Version wurde einfach nur eine 130mm-Gabel verbaut. Die 29 Zoll-Version entsprechend von der Geo her angepasst.

Interessant wird der Sprung bei der nächsten Generation. Trotz Carbon-Rahmen und 1fach-Antrieb liegt das Gewicht rund ein halbes Kilogramm über dem Modell aus Alu. Hinzu kommt, dass die Qualität der einzelnen Bauteile abnimmt. So wird zum Beispiel bei der Sattelstütze eine SDG Tellis statt der hochwertigen Fox Transfer verbaut. Um auf das alte Gewicht von 12,7 kg zu kommen, müsste es also die 10.0 SL-Version für schlanke 3.799,- Euro sein. Respekt.

Blick über den Tellerrand in die nächste Kategorie: Das Slide Trail 9.0 (150/140mm) kostet ebenfalls 2.999,- und ist von der Ausstattung her dem Skeen Trail CF 9.0 ähnlich, hat aber eine Fox 36, Dämpfer mit Piggy-Back, DT Swiss M1700 mit 30mm statt 25mm und die Matura MT5 mit 4-Kolben vorne und hinten. Radon gibt dafür ein Gewicht von 14,3 kg ohne Pedale an – ganze 1,1 Kilo mehr, als das Skeen CF. Dagegen wiegt das vergleichbare JAB 9.0 mit (noch) 27,5 Zoll und 170/160mm „nur“ 13,5 kg. Nach meiner Logik müsste das Jab doch sogar mehr wiegen.

Der Trend geht also ins Gewicht. Punkt! Die Grenzen sind nicht mehr so klar definiert wie früher.

Was würde ich mir für meine Bedürfnisse kaufen? Das alte Skeen Trail AL 10.0 von 2019 ist aktuell für 2.349,- Euro im Moment unschlagbar günstig. Und wenn’s das nicht mehr geben würde, dann wäre das günstigste Fully bei Radon – das Skeen AL 8.0 – für 1.999.- Euro meine erste Wahl, welches nur 13,3 kg wiegt. Denn den gesparten tausender würde ich in einen anderen Laufradsatz, eine andere Kurbel und Sattelstütze stecken. Wenn dann noch Geld übrig bliebe, vielleicht noch die Gabel tauschen. Aber die Revelation ist eine gute Trail-Gabel. So hätte ich ein leichtes und solide ausgestattet Trailbike mit 29 Zoll. Zwar alt, aber neu oder neu, aber alt.