Reine Kopfsache

Es begab sich an einem Samstag im August 2020. Ich strampelte gemütlich dem Gipfel der Halde Haniel bei einer Halden-Tour empor, als plötzlich ein – mir bis dahin unbekanntes – Geräusch aus dem Bereich des Hinterreifen auf sich aufmerksam machte: Pffft… Pffft… Pffft… Zuerst dachte ich, dass etwas zwischen Reifen und Rahmen steckte. Zumal das Geräusch auch so schnell wieder weg war, wie es kam. Aber dann entdeckte ich, dass weiße Dichtmilch am Sitzrohr hinunter lief. Na super! In Gedanken sah ich mich schon, meine ersten Erfahrungen mit den Dicht-Würstchen zu machen oder gleich einen Schlauch einziehen zu müssen.

Kurz danach machten wir Pause auf der Halde und ich checkte den Reifen: Das Loch war schon wieder zu. Ein Hoch auf den, der die Dichtmilch erfand. Tolle Sache sowas.

Nach der Pause machten wir uns wieder auf den Weg und eine kleine, an sich unspektakuläre, Abfahrt stand bevor. Der eigentliche Trail war durch den Regen etwas ausgewaschen, also mussten wir etwas vorsichtig sein. Eine Mitfahrerin blieb kurz an der Kante stehen, zog dann aber zurück. „Nicht denken, einfach fahren“, so mein – eigener – beliebter Ratschlag für solche Momente. Die Dame nahm sich meinen Rat zu Herzen und kam gut und heil unten an. Jetzt war ich an der Reihe. Doch gerade als ich locker über die Kante rollte, traf plötzlich ein Schlag meinen Hinterreifen. Ein Stein hatte sich bei der Überfahrt gelöst, mein Hinterrad rutschte weg und ich verlor die Balance. Nix schlimmes. Also wieder hoch und wieder von vorne…

Jetzt gab’s nur ein Problem: Ich hatte komplett das Vertrauen in mein Hinterreifen verloren. Als ich wieder über die Kante rollte, kam was immer in solchen Momenten kommt: Ich fange bei Unsicherheiten an, das Bike zu Überbremsen. Als Folge blockiert das Hinterrad und die Geschwindigkeit geht soweit runter, dass die ganze Angelegenheit – im wahrsten Sinne des Wortes – auf der Kippe steht. Mir blieb nur die absolute Schmach, vor dem Rest der Gruppe das Fahrrad den Abhang runter zu schieben. Da freut sich doch das Selbstvertrauen!

Die nächsten Abfahrten waren dann schon etwas anspruchsvoller. Ich quälte das Bike so richtig den Trail runter und genoß die Fahrt anstatt mir einen Kopf um den Reifen zu machen. Mein „Problem“ trat die Rest der Fahrt nicht mehr auf.

Mountainbiken ist 90 Prozent reine Kopfsache! Meist können die Bikes mehr, als der Fahrer. Diese Aussage kann ich anhand meines Erlebnisses bestätigen. Vor allem, da ich der Mitfahrerin vor mir erst noch genau damit half, selber die Abfahrt zu meistern.

Es gibt ein paar Situationen, an denen ich mich immer noch nicht so richtig wohl fühle. Alles Sachen, bei denen ich mal schlechte Erfahrungen gemacht habe. Zum Beispiel mag ich seitlich abfallende Passagen überhaupt nicht. Denn ich wäre mal an so einer Stelle fast in den Ewaldsee gefallen (ein paar Äste haben mich gerettet).

Aber wie löst man nun so ein Problem? Nach meinem Erlebnis auf der Halde Haniel habe ich mich mal mehr mit meiner Komfortzone beschäftigt. Oder eher den Dingen außerhalb davon und habe bewußt nach neuen Herausforderungen gesucht. Gemäß dem Motto: „Machen ist wie wollen, nur krasser!“

So bin ich verschiedene Passagen – meist runter, ab und zu auch mal rauf – gefahren, von denen ich sonst einen Bogen gemacht habe. Oh Wunder: Hat alles geklappt. Manches ging sogar total easy, als wenn mein Körper in seinen Abläufen nie was anderes gemacht hat. Man muss sich nur trauen…

Mein Trick ist, dass ich mich auf die Linie konzentriere und so den Fokus auf das Wesentliche lenke. Wo geht’s lang, wie schnell oder langsam muss ich fahren, wo ist die Auslaufzone, etc. Damit hat mein Kopf schon mehr als genug zu tun. Die Frage, ob ich das dann auch schaffe, stellt sich mir dann gar nicht.